Gestapelte Goldbarren und Silbermünzen auf dunklem Samt — Edelmetallvermittlung Arnsberg

COMEX First Notice Day in 5 Minuten verstanden


Wenn du den Edelmetall-Wochenbericht regelmäßig liest, ist dir der Begriff in den letzten Monaten häufig begegnet — und immer mit einem Unterton, als wäre da etwas Größeres im Anmarsch. Genau so ist es. Der First Notice Day an der COMEX ist die Stelle, an der die abstrakte Future-Welt auf physisches Silber trifft. Und genau dort wird seit Anfang 2026 Monat für Monat sichtbar, dass die Bestände im Westen knapper werden, als die offiziellen Zahlen es vermuten lassen.

In fünf Minuten erfährst du, was hinter dem Begriff steckt, warum jeder First Notice Day im Moment beobachtet wird, und welche zwei Szenarien sich an einem solchen Tag entwickeln können.

Wie funktioniert ein Silber-Future an der COMEX?

Die COMEX ist die New Yorker Rohstoff-Börse, gehört zur CME Group und ist der wichtigste Preisfindungs-Markt für Gold und Silber weltweit. Wer dort einen Silber-Future kauft, hat das Recht — und im Zweifel die Pflicht — am Liefertermin 5.000 Unzen physisches Silber zu bekommen. Der Verkäufer hat im Spiegelbild die Pflicht zu liefern.

Aber: 99 % aller Future-Kontrakte werden in der Praxis vor dem Liefertermin geschlossen oder „gerollt“ — also in den nächsten Liefermonat verschoben. Nur ein Bruchteil endet wirklich mit einer LKW-Ladung Silber. Die Börse ist damit zu 99 % ein Preisfindungs-Markt, kein Liefer-Markt. Das funktioniert seit Jahrzehnten reibungslos — solange das Vertrauen besteht, dass die Lager theoretisch lieferfähig sind.

Was ist der „First Notice Day“?

Der First Notice Day (FND) ist der erste Tag, an dem ein Verkäufer dem Käufer offiziell mitteilen kann: „Ich werde nicht zurückkaufen, ich werde dir Silber liefern.“

Ab diesem Tag trägt der Käufer ein konkretes Risiko: Wenn er nichts unternimmt, kommt tatsächlich Silber an. Deshalb muss er bis Börsenschluss eine von drei Entscheidungen treffen:

  1. Schließen — Position verkaufen, raus aus dem Markt
  2. Rollen — in den nächsten Liefermonat verschieben (mit kleinen Roll-Kosten)
  3. Bleiben — und akzeptieren, dass tatsächlich physisches Silber geliefert wird

Beim Mai-Silber-Kontrakt 2026 ist der 30. April der First Notice Day. Wer heute (29.04.) noch eine Long-Position hält, muss bis morgen Abend entschieden haben, was er tut.

Warum ist das gerade jetzt so spannend? Stichwort Coverage Ratio

Die Coverage Ratio ist eine simple Verhältniszahl an der COMEX:

Sie zeigt, wie viel Prozent der theoretisch möglichen Auslieferungen die Börse aktuell aus den eigenen Lagern bedienen könnte, falls alle Long-Halter morgen wirklich auf physische Lieferung bestehen.

Aktuell beim Mai-Kontrakt:

  • offen Mai: 135 Mio. Unzen
  • registered im Lager: 77–80 Mio. Unzen
  • → Coverage = 13–14 %

Das heißt: Wenn alle Long-Halter heute auf physische Lieferung bestehen würden, könnte die COMEX nur jede siebte Unze tatsächlich rausgeben.

Historisch normal sind 25–40 %. Unter 15 % gilt als Stress-Level — und genau dieses Level haben wir jetzt sechs Monate in Folge gesehen. Das ist beispiellos. Die Lager sind seit Oktober 2025 von 167 Mio. Unzen auf rund 80 Mio. Unzen gefallen — eine Halbierung in sieben Monaten.

Die zwei Szenarien für jeden First Notice Day

Szenario A — hohe Lieferquote

Viele Long-Halter bestehen tatsächlich auf physischer Lieferung. Dann muss die COMEX aus den 77–80 Mio. Unzen registered eine zweistellige Prozentzahl rausgeben — bei der niedrigsten Coverage Ratio aller Zeiten.

Wenn das passiert, ist es das deutlichste Signal, dass die physische Knappheit nicht mehr verwaltet werden kann, sondern auf den Preis durchschlägt. Was dann typischerweise folgt:

  • Stark steigender Silber-Spotpreis, weil Käufer im physischen Markt das tun, was an der COMEX nicht mehr vertrauensvoll geht
  • Steigende Shanghai-Premium (asiatischer Aufschlag) — die Knappheit wird global sichtbar
  • Druck auf Industrie-Käufer, sich Direkt-Verträge mit Minen zu sichern, statt über die Börse zu kaufen
  • In der Folge ein Vertrauensverlust in die COMEX-Preisfindung, der über die Spot-Preise hinaus wirkt

Szenario B — moderate Lieferquote durch Margin-Eingriff

Die Börse hebt die Margin-Anforderungen an: Wer eine Long-Position halten will, muss plötzlich mehr Sicherheit hinterlegen. Kleinere Spekulanten werden so gezwungen, vorher zu schließen oder zu rollen — die Liefer-Forderung sinkt mechanisch.

Das ist kein Zufall, sondern ein Stell-Hebel der Börse, um Liefer-Spitzen zu glätten. Die offizielle Begründung ist meist „Volatilität“ oder „Risiko-Anpassung“, die Wirkung aber immer dieselbe: Die schwächeren Hände geben auf, die stärkeren bleiben.

Das Ergebnis: kein dramatischer Preis-Sprung, kein Schlagzeilen-Moment. Aber: Das strukturelle Problem (zu wenig physisches Silber im Lager) ist nicht gelöst, nur in den nächsten Monat verschoben. Die Lager sind nach dem FND vielleicht weniger angespannt, aber die Industrie-Nachfrage und die Shanghai-Knappheit ziehen weiter Bestände aus dem System.

Warum das so wichtig ist — und worauf du achten solltest

Diese Mechanik entscheidet, welche Geschichte der Markt in den kommenden Wochen erzählt:

  • Geht Szenario A durch, sehen wir das Ende der jahrzehntelangen Dominanz des Paper-Silver-Markts über die physische Realität. Spotpreis und Future-Preis koppeln sich entkoppeln, die Shanghai-Premium schießt weiter hoch — und wer physisch hält, gewinnt überproportional.
  • In Szenario B bleibt die Mechanik intakt, aber das Misstrauen wächst mit jedem Monat unter 15 % Coverage. Irgendwann kommt ein FND, an dem die Margin-Erhöhung nicht mehr reicht — die Frage ist nur wann, nicht ob.

Genau deshalb ist ein First Notice Day im Moment kein „normaler Börsentag“, sondern ein Realitäts-Test: Lassen sich die Zahlen weiter verwalten oder bricht die Verwaltung?

Was bedeutet das für dich als Privatanleger?

Du musst keine Future-Kontrakte handeln, um von dieser Mechanik betroffen zu sein. Im Gegenteil — der Punkt ist genau, dass die Preisfindung an der COMEX den Spot-Preis bestimmt, den du beim Kauf von Münzen oder Barren zahlst.

Drei praktische Konsequenzen:

  1. Wer regelmäßig in Edelmetallen spart (Cost-Average), profitiert in Wochen wie dieser von niedrigeren Kursen — egal welches Szenario eintritt. Der Sparplan nimmt dir die Frage „Wann ist der richtige Moment?“ ab.
  2. Wer physisch Silber hält, sieht die langfristige Knappheits-Story bestätigt. Eine Korrektur im Spot-Preis ändert nichts daran, dass strukturell zu wenig Material in den COMEX-Lagern ist.
  3. Wer noch in klassischen Sparprodukten festhängt (Lebensversicherung, Tagesgeld), sollte sich klar machen: Die Inflation frisst dort still und konstant Kaufkraft, während im physischen Edelmetall-Markt die Knappheit immer sichtbarer wird. Ein mehrstufiger Liquiditätsplan ist die Antwort, kein Jagen nach dem perfekten Einstieg.

Was du beim nächsten First Notice Day konkret beobachten kannst

Wenn du die Daten selbst lesen willst (sehr empfehlenswert für die nächsten Monate):

  • CME Group Daily Delivery Reports zeigen, wie viele Kontrakte tatsächlich zur Lieferung gestellt werden
  • COMEX Inventory Tracker (z.B. auf goldsilver.ai oder heavymetalstats.com) zeigen die aktuellen registered/eligible-Bestände
  • Shanghai Gold Exchange Premium (sge.com.cn / metalprices.live) zeigt die globale Knappheit in Asien

Wenn du keine Lust auf eigene Recherche hast: Im wöchentlichen Marktbericht (jeden Mittwoch) ordne ich die Zahlen ein — mit der gleichen Logik, die du oben gelesen hast.


Wichtig: Dieser Beitrag ist eine persönliche Markteinschätzung von Alfred Lohmann und stellt keine Anlageberatung dar. Für eine individuelle Beratung: Kostenloses Erstgespräch vereinbaren

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